Hörproben
|
Titel
1 - Die Städte
sind für dich gebaut
|
Gina
Pietsch - Brechts Vorschläge betrachtend
Überlegungen
zu einem Brecht-Abend, anlässlich
seines 50. Todestages am 14. August 2006
Ich
benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.
Im
Jahre 33 denkt der Dichter Bertolt Brecht über
seinen Grabstein nach, findet, dass er keinen
braucht, und schlägt denen vor, die so
'was wollen, darauf zu schreiben, So, meint
er, könne mit ihm verfahren werden im Interesse
vieler nach seiner Zeit. Der oft besuchte, schöne,
rauhe Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen
Friedhof spart, trägt nun nur seinen Namen,
bescheidener, könnte man meinen, gemäß
seinem anderen Vorschlag: "Allem, was Du
empfindest, gib die kleinste Größe".
Vorschläge also: Seine Liebe zu diesen
ist in seinem Werk nicht zu übersehen.
Allein in der Lyrik kann man sie, meiner Zählung
nach, in mindestens 200 Versen finden, über
40 Jahre Schaffen, den ersten von 1916, den
letzten von 1956, die wechselnden Zeiten betreffend
genauso, wie die Vielfalt, das Schwergewicht
und die immense Zahl der Themen, in verschiedener
Weise auch, von unverschämt bis abgeklärt,
von witzig bis weise, von höflich bis unerbittlich,
und alles in allem von unterschiedlicher Kraft
der Einwirkung auf den Leser. Sein "Alles
wandelt sich" betrifft so eben auch seine
Vorschläge.
Unser Brecht-Projekt will das untersuchen, in
Texten und Liedern, spielerisch also, mit dem
Ziel, sein Leben zu erzählen als das des
mit Vorschlägen in gesellschaftliche Prozesse
Eingreifenden. Letzteres gilt freilich nicht
für alle seiner Zeiten. Die frühen
Vorschläge des jungen gutsituierten Fabrikdirektorssohnes
animieren zum Gegenteil, zum Faulsein im "Beschwerdelied"
aus Gymnasiastenzeiten, 1916, zum Gemütlich-und-Lässig-Gehen
im Glückslied von 1919, zum Sich-Treiben-Lassen
und Auf-dem-Rücken-Liegen wie im "Vom
Schwimmen in Seen und Flüssen" aus
dem selben Jahr kurz nach dem "Baal",
zum Nicht-zu-kritisch-sein im Jahre 1922. Ein
Großteil der "Hauspostille"
schlägt uns in hinreißender Weise
das Rauchen, Saufen, Vögeln, Segeln, Schiffsschaukeln,
Stopfen von Mädchen und Klettern auf Bäume
vor und verführt mit manchmal abstruser
Logik zum extensivem Genießen unter grünen
oder roten Monden. Die Fragen, wer sich das
leisten kann, kommen erst später, das Gedenken
an die Opfer solchen Verhaltens, ertrunkene
Mädchen, Kindesmörderinnen, deren
"Leid groß war", sind selten,
aber desto anrührender. Dem großen
Schlussvorschlag der "Hauspostille"
"Gegen Verführung", der uns heute
noch wie ein Donnerschlag gegen Kirche und Bürgertum
anmutet, steht sein "macht nur weiter so"
gegenüber, das er "Politische Betrachtung"
nennt, den Dichter spielend, den's "nicht
weiter angeht", das freilich mit dem so
häufigen ironischen Unterton, uns überlassend,
ob wir's glauben oder nicht. Sentimental kann
er werden bei der Vorstellung. Rein. Sachlich.
Böse genannt zu werden.
So denn auch der erste Vorschlag für seine Grabsteininschrift.
Und dieses Reinsachlichböse kennzeichnet
dann gleich nach der Hauspostille seine Verse
"Aus einem Lesebuch für Städtebewohner".
Die geliebten violetten oder orangenfarbenen
Himmel kommen nun nicht mehr vor. Berlin, wo
es ihn hinzog, hat solche zu selten. Die Leute,
von denen hier die Rede ist, sind "elendiglich
und klein", was sie aber nicht mehr auszeichnet.
Er gibt jetzt weiter, was ihm "gelernt
wurde", Vorschläge, die wie Befehle
klingen: "Verwisch die Spuren", "Sage
nicht laut, die Welt sei schlecht, sag es leise",
"Laßt eure Träume fahren...was
hier gebraucht wird, ist Hackfleisch".
Das konnten nicht der Plärrer und Augsburg
lehren. Und, so sehr er sich bis an sein Ende
als Augsburger, also Provinzler, fühlen
wird, das "Dickicht der Städte"
in den Zwanzigern lehrt ihn anderes. Und das
kann wechseln in den verschiedenen Zeiten, "Hier
hast du ein Heim" kann morgen heißen
"Du hast denen eigenen Teller" und
am vierten Tage "Eine Nacht. Aber das kostet
extra".
Aus den Versen schlägt uns
Härte, Kälte und Entindividualisierung
entgegen, die uns heute mehr erschreckt, als
es Brecht erschreckt haben soll. Der sprach,
anders als Tucholsky, welcher Berlin als "nackt
und brutal und mit einem saubern kleinen Willen
zur Diktatur", beschreibt, von der gleichen
Stadt beim ersten Besuch 1920 noch als von einer
"wundervollen Angelegenheit". Und
ähnlich wie in den eben zitierten "Vier
Aufforderungen an einen Mann von verschiedener
Seite zu verschiedenen Zeiten" wird sich
seine Haltung verschärfen. 1921, sicher
geprägt von ersten gescheiterten Versuchen,
diese Stadt als Theatermann zu erobern: "Es
ist eine graue Stadt, eine gute Stadt, ich trolle
mich so durch. Da ist Kälte, friß
sie." Und noch 1930 wird er sagen, nach
den verbrieften Erfolgen, wie dem der "Dreigroschenoper",
"Ich habe mich schwer an die Städte
gewöhnt". Im "Lesebuch für
Städtebewohner" wird diese Kälte
beschrieben, ohne Mitleid und Zorn. Nietzsche
gelesen, drehen sich die Vorschläge jetzt
ums Durchkommen und ums dadurch Starkwerden.
Aber es beginnt auch, was sich dann bis an sein
Ende durchzieht, die Ehrung des Nützlichen
und die Notwendigkeit des Bleibens bei denen,
die Unentbehrliches tun. "Setze also deinen
Namen nicht auf die nicht abreißende Liste
der Abgefallenen", heißt es hier
1927 und wird es noch oft heißen, je mehr
er sich hingezogen fühlt und Teil wird
der Leute, die für mehr als für sich
selber streiten. Und ebenso bemerkenswert und
Zeichen für ein neues Denken bei Brecht
das Schlussgedicht "Anleitung für
die Oberen" mit seinem Vorschlag, den Unbekannten
Soldaten zu ehren.
Das ansonsten fast Kokettieren
mit Sachlichkeit, Schonungslosigkeit, Kälte
und Härte prägt um die Jahre 26/27
vieles in seinen Werken. Großartig geschrieben
und abschreckend durch fast pornografische Offenheit
die "Rat"- oder Vor-"schläge
einer älteren Fose an eine jüngere",
die als ein Interludium für "Baal"
gedacht waren, den er nach der Uraufführung
in Leipzig im Jahre 23 weiter anbieten wollte,
mindestens Aufricht im Jahre 28.
Das Thema Prostitution,
als Zuspitzung des Verkaufs menschlicher Ware
wird ihn beschäftigen bis zur "Courage",
so auch in der Arbeit mit Kurt Weill und mit
"Mahagonny", das Anfang - als Songspiel
- und Ende - als Oper - dieser für beide
äußerst fruchtbaren Arbeit wurde.
Hier wird zu hören sein der als Denunziation
der Mahagonny-Utopie gemeinte, beim Publikum
aber mehr kulinarisch verstandene "Alabama-Song"
mit seinen simplen "Vorschlägen",
Whisky und Dollars zu finden, bevor es ans Ende
geht. Innerhalb dieser kurzen Zeit von vier
Jahren unterliegt Brechts Amerika-Bild einem
enormen Wandel, von bedingungsloser Schwärmerei
zu härtester Kritik, was bekannterweise
seinen Studien der Vorgänge an der Weizenbörse
Chicagos geschuldet ist. Da zieht nun die Industrie
ein in seine Verse, schon in die Kinderlieder.
"Kranlieder" schreibt er: "Beiß,
Greifer, beiß". Bis daraus mehr wird,
dauert es noch. 1927 ist ein Sackgassenjahr,
die Fragmente zeugen davon. Das "Ändere
die Welt, sie braucht es", so erst in der
"Maßnahme" formuliert, fängt
jetzt an bei "Fatzer", genauer, dem
Fragment gebliebenen Stück "Untergang
des Egoisten Johann Fatzer". Bis er an
der Stelle weitermachen kann, was ihn mit zunehmenden
Marx-Studien mehr beschäftigt, muss seine
Kunst erst mal nach Brot gehen. Nicht ahnend,
dass es beider Welterfolg wird, seiner und der
Weills, entsteht die "Dreigroschenoper"
mit ihren zu Betrug und Missetat als Geschäft
oder Geschäft als Betrug und Missetat auffordernden
"Vorschlägen" "Wach auf,
du verrotteter Christ" oder "...nur
auf seinen niedern Vorteil schauen".
Im Übrigen sollte man den Menschen "auf
den Hut hauen", da "erst das Fressen
und dann die Moral kommt" oder, wie es
im ehemals für das Stück geplanten
"Ehesong" heißt "auf alles
einen Kognak" nehmen. Das kam, wie wir
wissen, beim Bürger viel besser an, als
geplant, und wurde dann in den Hits aus "Happy-End"
mit "Rascher, Johnny, he" kulinarisch
und höchst erfolgreich noch einmal fortgesetzt.
Herausfällt aus der Darstellung vornehmlich
zuhälterisch geprägter Beziehungen
zwischen Mann und Frau - "zweitens kommt
der Liebesakt" - auch in Brecht-Weills
großem Streitobjekt "Aufstieg und
Fall der Stadt Mahagonny" das Duett zwischen
Jenny und Jim "Sieh jene Kraniche in großem
Bogen!". Schon vorher geschrieben, 1928,
als "Terzinen über die Liebe",
gilt es in seiner Zartheit und dem gleichzeitig
vorhandenen Realitätssinn bis heute als
eines der schönsten Liebesgedichte unserer
Literatur.
Der Streit der Autoren hatte bekannterweise
nicht nur ästhetische Gründe. Gewichtiger
waren wohl die des gegenseitigen Unverständnisses
in politischen Fragen. Brechts radikale Hinwendung
zum Marxismus, die Weill nicht mittrug, führte
den Dichter zum ihm ähnlich denkenden Hanns
Eisler und zu Lehrstücken. Diese sind voll
von dem, was Brecht wohl gern Vorschläge
genannt hätte, was in seiner Drastik aber
mehr oder weniger unbedingten Forderungen gleichkommt.
Im "Badener Lehrstück vom Einverständnis"
heißt es dann auch so: "Euch fordern
wir auf, mit uns zu marschieren und mit uns
zu verändern nicht nur ein Gesetz der Erde,
sondern das Grundgesetz". Auf Veränderung
der gesellschaftlichen Verhältnisse zielt
das alles. "Darum beteiligt euch an der
Bekämpfung des Primitiven, an der Liquidierung
des Jenseits und der Verscheuchung jedweden
Gottes", so im Lehrstück "Der
Ozeanflug". Die Lehrstücke sind neben
ihrer deutlichen Linksorientierung gekennzeichnet
von fast schwärmerischer Hinwendung zur
Masse, dann zur Klasse, was einher geht mit
Ablehnung des großen Einzelnen, seiner
Handlungsweisen und seiner Psyche. Das verstieß
zwar gegen Bedürfnisse der Masse des Theaterpublikums,
aber, wie Mittenzwei formuliert, "Ihn interessierte
nicht, was das Publikum wollte, sondern, was
es seiner Meinung nach nötig hatte."
So werben nun seine Bühnengestalten, "daß
jeder uns beisteh'". Es wirbt da um die
"große Armee der guten Leute"
die Heilsarmee, unter Führung der "Heiligen
Johanna der Schlachthöfe", ehrlich
bemüht, aber scheiternd. Das Unterdrücken
von Individualität im Dienste der Mehrheit,
das in allen Lehrstücken als ernsthafter
Vorschlag behandelt wird, zeigt sich in seinen
komischen Zügen im Text "700 Intellektuelle
beten einen Öltank an". "Lösch
aus unser ich. Mache uns kollektiv".
Das
ist noch nicht das Hauptthema der späten
Stücke, die kritische Behandlung der Tuis,
die Wissen verkaufen und vom Missbrauch ihres
Wissens im Dienste der Mächtigen profitieren,
die "ihren Schnitt machen, weil sie etwas
wissen", wie es in der "Ballade vom
Wissen" heißt, aber er beginnt sich
dem zu nähern. Später wird kaum einer
so hart behandelt, wie sie: "Wie soll der
kein Schwindler sein, der den Hungernden anderes
lehrt, als wie man den Hunger abschafft"
Und so folgt denn auch, nun schon mehr kategorischer
Imperativ als Vorschlag, "wer keine Hilfe
weiß, der schweige". Freundlich hingegen
die Vorschläge an die Schauspielerin Carola
Neher "Erfrische dich, Schwester",
später an "Tretjakow, gesund zu werden".
Werden die angesprochen, die sich in den Dienst
der Ausgebeuteten gestellt haben, also belastbar
sind, schlägt Freundlichkeit gern in Befehlston
um, mindestens ins Appellative - "wir befehlen
dir, den Kampf sofort aufzunehmen gegen die
Krankheit" - Grund ist, er weiß,
dass die wirklichen Parteiarbeiter - nicht Bonzen
- nur über das Argument des Gebrauchtwerden
anzuhalten sind, an sich zu denken. Zitiert
sei "Wenn ein guter Mann weggehn will,
womit kann man ihn halten? Sagt ihm, wozu er
nötig ist. Das hält ihn". Im
großen Rahmen heißt das argumentativ
ermutigend für die Linken auf der Straße
das "Vorwärts und nicht vergessen,
die Solidarität".
Aus der Fülle der Vorschläge im Stück
"Die Mutter", praktisches Verhalten
um "Teewasser und Macht im Staat"
betreffend, sei herausgegriffen das "Lob
des Lernens", wo sie mit Freundlichkeit
und Konsequenz an andere weitergibt das selbst
gerade Gelernte. Hier wird Wissen unabdingbar
nötig, weil es um eine Zukunft geht: "Du
musst die Führung übernehmen".
In die "Mutter"- Zeit gehört
sein vielleicht wichtigstes Gedicht zum Thema
des Nützlichen, voll mit großen Vorschlägen
"Keinen Gedanken verschwendet an das Unabänderbare".
Das stammt von 1932 und nahm kurz darauf erst
einmal den Charakter einer Utopie an. In "Die
Rundköpfe und die Spitzköpfe",
dem ersten Stück, das den zur Macht gekommenen
Faschismus thematisiert, werden die Mitläufern
des neuen Statthalters Iberin in der "Hymne
des erwachenden Jahoo" Vorschläge,
singen, unter Zwang, auf Choralmelodien.
Das Exil beginnt, das "grad wie aus der
Welt sein", tut weh, besonders, wenn es
um Liebe geht, die zurückbleiben musste
- "Fragen" in Form von Vorschlägen.
In den neuen Ländern heißt es auch,
mit neuen Situationen und Sichtweisen umgehen
lernen. Da sind freundliche, bittende Vorschläge
nötig "Gegen die Objektiven"
in Sicherheit, und da wird nötig die Beschreibung
der Vorgänge zu Hause, Vorschläge
von Anpassern und Speichelleckern, Gezeichneten
aus dem Weg zu gehen, Vorschlag einer alten
Frau, ihr Elend öffentlich zu zeigen, damit
"man Bescheid weiß". List wird
da eine lebensnotwendige Tugend, zu erlernen
schon von den Kindern. Die Kinderlieder von
1934 zeugen davon, Beispiel das "Kleine
Bettellied" mit seinen praktischen Vorschlägen,
wie umzugehen ist mit geizigen Wirten.
Das freilich ist Brechts Erziehungsmethode.
Im Allgemeinen gelten für Kinder dieser
Zeit Vorschläge ganz anderer Art. "Was
ein Kind gesagt bekommt" zeugt davon. Für
die Erwachsenen wird "Wenn das bleibt,
was ist" das Folgende vorgeschlagen "Was
ihr habt, das gebt auf und nehmt euch, was euch
verweigert wird". Das Jahr 35 ändert
alles. Wahr wird, was er in den "Rundköpfen"
als Greuel an die Wand gemalt hatte, die Nürnberger
Gesetze. Da wird dann einer Marie Sanders vorgeschlagen,
zu ihrem Geliebten heute besser "nicht
mehr zu sein, wie sie zu ihm gestern" war,
eine Warnung, die ignoriert wird, mit dem bekannten
Ergebnis. Ein Jahr später schon traut keiner
keinem mehr. Und gerade da Brechts großer
Vorschlag "Wir immer sie euch mitspielen,
gebt keinen euresgleichen auf".
Es steuert alles auf einen Krieg zu. Brecht
warnt mindestens ab 1936 vor ihm, in der "Deutschen
Kriegsfibel", die sich bis 1955 durch sein
Werk zieht, macht er Vorschläge,
wie zu verfahren ist vor, im, oder nach dem
großen Krieg. 1938 in den Deutschen Satiren
Vorschlag an den Kanzler, ein Jahr später
an Deutschland und im gleichen Jahr an die Söhne
einer proletarischen Mutter bei Kriegsausbruch.
Dass Mütter Kinder im Krieg verlieren können,
wird sein großes Thema, dabei verhalten
sich seine großen Müttergestalten
durchaus nicht immer wie die eben zitierte.
Pelageja Wlassowa und Teresa Carrar lernen aus
den Kämpfen, Anna Fierling lernt nicht.
Sie hat ein Geschäft und die Kriegsleute
sind ihre Käufer. "Ihr Hauptleut',
laßt die Trommel ruhen...". Die praktizierende
Mutter Grusche ist weiter.
Ihr Vorschlag an den Geliebten, sich "in
des Krieges Mitten zu halten", zeugt von
Realitätssinn. Und Simone Machards Vorschläge
für die Zeit, "wenn der Eroberer kommt
in eure Stadt" sind ganz konkrete Aufrufe
zum Widerstand, es gilt hier, was Brecht schon
1935 formulierte, den "Guten Menschen von
Sezuan" vorwegnehmend. "Was nützt
die Güte, wenn die Gütigen sogleich
erschlagen werden" und "Anstatt nur
gütig zu sein, bemüht euch, einen
Zustand zu schaffen, der die Güte ermöglichst,
besser, sie überflüssig macht!".
Konkrete Vorschläge "An seine Landsleute",
Überlebende, Männer, Kinder, Mütter
lesen wir, nachdem der Krieg vorbei ist. Leise
wird da gesprochen zu Menschen, von denen die
meisten in den Jahren zuvor sehr anders dachten,
als der Dichter, nicht Belastbare also. "Ich
bitt euch, lasset eure Kinder leben". Der
Tonfall erinnert an die große, prophetische
Versbiografie vom Jahre 38, "An die Nachgeborenen",
mit ihrem vermeintlich "unbrechtisch"
anrührenden Schluss "Gedenket unsrer
mit Nachsicht".
Mit Beginn des Zeitenwandels 1945, der zwar
mit Skepsis, aber doch als Neubeginn gesehen
wird - "Du siehst Dunkel, vielleicht ist
es Licht" - beginnt auch die Hoffnung auf
konkrete Arbeit in Berlin. Vorschläge ganz
praktischer Art nun, der Schauspieler Peter
Lorre wird aus dem Exil zurückgerufen,
obwohl ihm nichts andres zu bieten ist, als
das ewige Argument des Dichters, nämlich,
"daß du gebraucht wirst". Das
"Glück des Gebens" wird nun gepriesen,
und, anknüpfend an das, was er schon seit
langem für das Angenehmste hält, das
"Freundlichsein", die öffentlichen
Beziehungen zwischen Menschen betreffend, genauso,
wie die privatesten. Als "Kleinste Größe"
erscheint das, als der "Kleine Wind",
"den man kaum spürt" und der
doch gut tut. Überhaupt hat Glück
zu tun mit dem Niederen, mit "bäuerlichen
weiten Röcken, die verrutschen" können,
mit "Gaumen und Hoden" also, aber
sich diesen "Glücksgöttern zu
verschreiben, "könnte sich lohnen",
wenn man einander braucht und obendrein gebraucht
wird von diesem "Wir". Wie sich das
Thema des Gebrauchtseins durch sein Werk zieht,
so das der kritischen Haltung, vorgeschlagen
für alle Bereiche des Lebens, "die
Regulierung eines Flusses, die Veredlung eines
Obstbaums, den Umbau eines Staates". Alle
seine Hauptgestalten haben damit zu tun, auch
Galilei. Dessen Experimente werden auf dem Markt
verstanden als Vorschlag, auch mal "sein
eigner Herr und Meister" zu sein. Wir wissen,
wie auch Galilei, angesichts der Atombombe von
Brecht immer schärferer Kritik ausgesetzt
ist. Überhaupt sollten die "großen
Männer" kritisch gesehen werden. Man
"sollte sie ehren, aber man sollte ihnen
nicht glauben", oder gar, an anderer Stelle,
ihnen "eins auf die Fresse hauen"
und, so sie denn Führer sind, unbedingt
an ihnen zweifeln, das nun ernsthaft formuliert,
mit klassischer Gültigkeit im "Lob
des Zweifels, zum Umgang mit Führern aller
Zeiten.
Herstellung und Ausübung von Kunst betreffend,
soll neben dem schon erwähnten "Messingkauf"
erinnert werden an Brechts Vorschläge,
im Interesse des Volkes wahr, aber nicht volkstümlich
zu schreiben, so im Vers "Da das Instrument
verstimmt ist", und in den Ruhm die Auftraggeber
einzubeziehen, den Zöllner zum Beispiel,
der "dem Weisen die Weisheit erst entreißt".
Der Vorschlag, aufmerksam zu sein gegenüber
solchen, manchmal als unwichtig empfundenen
Dingen soll genannt sein, das gilt für
die Zukunft, für "einmal, wenn da
Zeit sein wird", wie für das Gegenwärtige,
den Durst der Pflanzen im Garten und gar des
nackten Bodens, das Wahrnehmen der Rufe des
Geliebten, wie das Achtgeben auf eigne Gesundheit.
Zusammengefasst heißt das im "Guten
Menschen von Sezuan" "Keinen verderben
zu lassen, auch nicht sich selber, jeden mit
Glück zu erfüllen, auch sich, das
ist gut." Damit zunächst angelangt
bei den schönen Dingen, den freundlichen
Vorschlägen der Wirtin vom "Kelch",
den fast unverschämten des Père
Joseph, der extra Exquisites verlangt, den kräftigen
des Dichters, der ermuntert, fröhlich zuzulangen
beim saftigen Lendenstück, sich also auch
nicht zufrieden zu geben mit Versprechungen,
ganz so wie es die "handelnd Unzufriedenen,
eure großen Lehrer" beibrachten.
Da nun die alten Zeiten vorbei sind, ist für
alle viel zu lernen, dass Frauen das gleiche
zusteht, wie Männern, auch, wenn's ums
Bier geht, dass leise sprechend besser verstanden
wird, als anschreiend, dass Sorglosigkeit nicht
entschuldigt werden kann, dass man nach Plänen,
durchführbaren, schneller vorwärtskommt,
als ohne, dass Selbstvertrauen den Aufbau des
zerrissenen Deutschlands leichter man, dass
"man sich um sich selber kümmern muss"
und trotzdem nicht dauernd ich sagen sollte,
dass das "Brot der Gerechtigkeit"
nicht weniger wichtig ist als das andere Brot,
kurz, demokratisches Verhalten in schlechten
Zeiten. Der 17. Juni stellt alles in Frage.
"Sachte, meine Lieben" schlägt
der Dichter vor und steht zwischen den Fronten,
engstirnigen Behörden, Kriegstreibern und
den Massen. Seine Vorschläge gehen jetzt
in Richtung Regierung "Wollet hören
beim Reden", "Auf die Straße
geht und seht, wie der Wind weht" und "ein
kräftiges Eingeständnis und ein kräftiges,
wenn nicht". Für die Unteren heißt
es "Besser scheint uns doch, aufzubegehren
und auf keine kleinste Freude zu verzichten",
was den Bogen schließt zu den frühen
Genussvorschlägen der Hauspostille. Nicht
umsonst nimmt er sich die noch mal vor, stellt
sie neu zusammen und ergänzt mit "Orges
Wunschliste" die "Zweite Lektion:
Exerzitien" um Wünsche genannte Vorschläge,
die dem Jugendfreund Georg Pflanzelt in den
Mund gelegt werden. Es sind 24 diesseitige,
freche, fremde, ungewöhnliche Wünsche,
die enden mit dem existentiellen "Von den
Leben die hellen, von den Toden die schnellen".
Unser Schluss wird der des Titelgedichts sein
und der seines Vorschlags für eine neue
deutsche Nationalhymne "Anmut sparet nicht,
noch Mühe"
Uwe
Streibel
Pianist
Opernregie- und Klavier-Studium
am Konservatorium Nikolai Rimskij-Korsakow
in St. Petersburg 1990 - 1995,
seit 1995 freischaffend
als Korrepetitor und Klavierlehrer in Berlin,
Begleiter von Kammermusik- und Liederabenden,
sowie Chanson- und Kabarettprogrammen
Die Presse meint:
"...wer
wäre besser geeignet als Gina Pietsch,
die eben nicht nur hin und wieder Brecht singt
und spricht, wenn dies eben mal 'in' ist. ...
Gina Pietsch hauchte und wisperte die Botschaften
Brechts, schrie diese aber auch heraus, wenn
es nötig war und fesselte damit das Publikum
Dieses jubelte ihr, dem ebenfalls wunderbaren
Begleiter Uwe Streibel am Piano sowie Brechts
Vorschlägen zu ...
(Märkische
Oderzeitung)
|