Gina schreibt über Mozart, Monroe, Che und die anderen
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Ich bin ein Träumer

Sting zu seinem 75. Geburtstag, eine Hommage

Gemeinsam, jeder für sich, mit Absicht oder durch Zufall schaffen wir die Welt nach unseren Träumen. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht das Falsche träumen, so Sting 1999.

Wer ist dieser Sting? Bürgerlich heißt er Gordon Matthew Thomas Sumner, ist ein britischer Musiker, Komponist und Schauspieler, der vor seinen Solo-Aktivitäten als Sänger und Bassist der Band The Police bekannt wird.

Geboren wird Gordon am 2. Oktober 1951 als Sohn eines Milchmanns in Wallsend, einem Vorort von Newcastle. 1962 bekommt er ein Stipendium für die höhere Schule, die St Cuthbert’s Grammar School in Newcastle. Damit ergibt sich: Wir werden Uniformen tragen, die uns von den anderen absetzen, wir werden Latein und Algebra lernen und deshalb bald anders denken als sie, man wird uns Zukunftsaussichten ausmalen und wir werden uns anders benehmen, und wir werden es gut und richtig finden, dass wir von den anderen getrennt sind. Die Narben dieses brutalen Klassensystems blieben ein Leben lang, auf beiden Seiten.

Es wird dort geprügelt, mit Stöcken. In einem Jahr bin ich Rekordhalter mit zweiundvierzig Stockschlägen ... Ich denke mir, dass diejenigen von uns, aus denen anständige, verantwortungsvolle Menschen geworden sind, es trotz und nicht wegen dieser Behandlung geworden sind, weil, wie er sagt, wir sind ein robuster, beharrlicher Menschenschlag. Wir können uns anpassen, aber wir lassen uns nicht leicht aus der Bahn werfen.

Von 1971 bis 1974 wird er am Northern Counties Teacher Training College als Lehrer für Englisch und Musik ausgebildet. Anschließend arbeitet er zwei Jahre lang als Lehrer an der katholischen St Paul’s First School in Cramlington.

Inspiriert von den Beatles

In unserer Familie hat es immer Musik gegeben, das Klavierspiel meiner Mutter, der Gesang meines Vaters, der den Jazz liebte, sogar das großväterliche Geklimper auf der Mandoline hatten Musik zu einem selbstverständlichen Bestandteil meines Lebens gemacht.

Im letzten Schuljahr hört er erstmalig die Beatles. Ich spürte, dass an dieser Musik etwas Wichtiges war, etwas Revolutionäres sogar ... ich begriff instinktiv, dass damit ein Maß an Kunstfertigkeit erreicht war, das es bisher in der Popmusik nicht gegeben hatte. Es gab keine einzige musikalische Form, die die Beatles nicht für ihre Musik nutzten, ganz gleich ob Klassik, Folk, Rock’n’Roll, Blues, indische Ragas oder Vaudeville ... es war Musik ohne Grenzen, der Soundtrack für eine ganze Generation, die fest daran glaubte, dass sie die Welt verändern konnte.

Seine Quintessenz aus dieser Begeisterung: Ich will, dass die Leute meine Melodien summen wie die Lieder der Beatles. Andererseits will ich keine Kompromisse machen, ich will unverwechselbar sein, und wenn mir deswegen der große Erfolg versagt bleibt, dann soll es eben so sein.

In seiner Freizeit spielte er in örtlichen Jazz-Bands wie den Last Exit und erhält dort seinen Spitznamen „Sting”, Wespen-Stachel, weil er in seinem gelb-schwarz gestreiften Pullover nach Ansicht der Bandkollegen wie eine Wespe aussah.

Im Jahr 1977 bildeten Sting, Stewart Copeland und Andy Summers in London die Band The Police. Sie griffen Elemente des Reggae, Punk und New Wave auf, gelangten 1978 mit mehreren Alben an die Spitzen der Hitparade. Sting bekannte im Rückblick, Anfang der 80er Jahre regelmäßig Kokain konsumiert zu haben, wodurch er aggressiv und streitsüchtig geworden sei, was zu Zerwürfnissen in der Gruppe beigetragen habe. 1984 trennt er sich von Police, auch wenn ich wusste, dass ich damit leicht auf die Nase fallen konnte. Vielen schien es pure Idiotie, aus einer Band auszusteigen, die damals wohl die Größte weltweit war ...

Mit Prokofjew und Weill

Aber er schafft es. Stings erstes Soloalbum The Dream of the Blue Turtles erreichte 1985 innerhalb eines Jahres durch seine Verkaufszahlen dreifach Platin. Eine ganze Reihe herausragender Songs gibt es da. Love is the Seventh Wave will ich nennen, mit solchen Zeilen: All die Wut, das Blutvergießen All die Waffen, all die Gier All die Soldaten und Raketen Aller Graus, das Militär, glaub mir, es gibt eine stärkere Welle als die, Liebe ist die siebte Welle. Ausgekoppelt als Single aber auch das berühmt gewordene Russians. Er verwendet dafür eine Melodie aus dem zweiten Satz von Sergej Prokofjews Lieutenant-Kijé-Suite.

Der Song erinnert an ein Stückchen seiner Erzählungen über seine Mutter Audrey. Einmal, 1963, streitet er sich mit ihr. Er schreibt: Unter Tränen versicherte mir meine Mutter, dass die Kommunisten hinter dem Anschlag auf Präsident Kennedy stecken, aber selbst damals schon hatte ich meine Zweifel: Warum hätten die Kommunisten so etwas tun sollen? Ich hatte in der Kubakrise meine Angst vor dem Weltuntergang verloren und mochte Mr. Chruschtschow eigentlich ziemlich gern. Nun nutzt er diesen, heute besonders aktuellen, Song, um gegen Kriegshetze und Russophobie vorzugehen. Der Schlusssong auf diesem Album ist eine große Solidaritätshymne mit den Hungernden in Afrika, die diesem Tod nur entgehen, wenn sie Bildung, nicht nur Brot bekommen, alles Dinge, die ihnen zum Wohl von Waffenschiebern vorenthalten werden.

1987 kommt mitten zu der Zeit, da seine Mutter im Sterben lag, Nothing like the Sun heraus, mein Favorit unter den Sting-Alben. Das Album erreichte Doppel-Platin und wurde zu den wichtigsten Alben der 80er Jahre gezählt. Herausheben aus den ansprechenden, klugen, eingängigen aber höchst artifiziellen Songs möchte ich Englishman in New York, Fragile und They Dance Alone, natürlich aber auch die Übernahme von Brecht und Eislers An den kleinen Radioapparat mit einem neuen Text, den er nennt The Secret Marriage. In dieser Zeit ist er übrigens intensiv mit Eisler und Weill beschäftigt, das nicht selten in Zusammenarbeit mit der Sängerin Gianna Nannini. Er spielt am Broadway auch eine zeitlang den Mackie Messer in Brechts Dreigroschenoper und wirkte als Schauspieler in einigen Kinofilmen mit. Für CD-Aufnahmen übernimmt er 1988 die Rolle des Soldaten in Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten und 1991 die des Erzählers in Sergej Prokofjews Peter und der Wolf, eingespielt unter der Leitung von Claudio Abbado.

Diese Jahre sind geprägt durch Stings Irland-Erfahrungen. Da sind die Kämpfe der IRA, gepanzerte Patrouillenwagen, Angst, Misstrauen bei der Bevölkerung. Er schreibt Invisible Sun und erklärt: Ich bin froh, dass sich der Hoffnungsschimmer, der im Titel des Liedes zum Ausdruck kommt, als prophetisch erwiesen hat und bete, dass die Gewalt zwischen den verfeindeten Parteien, die so viele Leben gekostet hat, ein für allemal vorüber ist. Das wird ihm besonders wichtig, als 1976 sein erster Sohn, Joe, zur Welt kommt, und genau zu dem Zeitpunkt auf der Straße ein junger Mann von einer Skinhead-Bande zu Tode getreten wird.

Aber auch die Welt, aus der er kommt, verändert sich. Eine Industrie, die über Jahrhunderte gewachsen war, ist fast über Nacht sang- und klanglos untergegangen, und das gesamte schiffbauerische Wissen und Können der Stadt ist unwiederbringlich auf dem Schrotthaufen der Arbeitslosigkeit gelandet. Der wirtschafliche Niedergang hat das Geschäft meines Vaters ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie alle anderen, er hat vollendet, was den Deutschen mit ihren Bomben nicht gelungen ist.

All das führt 1984 zum Bergarbeiterstreik und Sting verarbeitet es in We work the Black Seam. Da singt er: Tief unten liegt das Flöz; In Millionen Jahren steingewordenes Holz; Wir graben alte Wälder aus; Und machen Strom für tausend Städte draus; Ihr mit eurer Atomfabrik; Ihr braucht nicht mehr der Bergleute Geschick; Doch selbst das schmalste Kohlenband; Ist besser als all die toten Bäche in Cumberland; Was Ökonomen sagen, ist nicht wahr ...

Nur eine Welt ...

In besonderer Weise verstärkt sich in dieser Zeit auch sein Interesse an dem, was die „Dritte Welt” genannt wird. Sting hält schon die Bezeichnung für einen Trick, mit dem uns weisgemacht werden soll, die Ärmsten unter unseren Nachbarn lebten auf einem anderen Planeten. Wir sind füreinander verantwortlich, ethisch, moralisch, gesellschaft- lich, finanziell und in jedem anderen Sinne. Im dazu gehörigen Song One World (Not three) heißt es dann Eine Welt ist genug für jeden von uns.

Im November 2009 forderte er zusammen mit Häuptling der Kayapó-Indianer, Raoni Metyktire, auf den Bau des drittgrößten Stausees der Welt, im Xingu-Gebiet, zu verzichten, da große Flächen des Urwalds geflutet werden sollten, was die Existenzgrundlagen von 24 ethnische Gruppen von Indianern bedroht hätte. 1987 bereits hatte er mit seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau Trudie Styler und Raoni die Regenwaldstiftung Rainforest Foundation gegründet. Seine Verbundenheit mit der Umwelt und sein Kampf um die Rechte der dort lebenden indigenen Völker wurde eine der Haupmotivationen dieser Organisation.

Stings Stimme war und ist stets ein Werkzeug im Kampf gegen Armut, zur Verteidigung der Menschenrechte und Zugang zu Bildung, um die Lebensbedingungen der in Entwicklungsländern am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu verbessern, sehr konkret zur Sprache gebracht in Songs wie History will Teach Us Nothing von 1987, schon 1977 aber in Roxanne, einem seiner ersten Police-Hits, in dem er die Pariser Prostituierte, die unterm Fenster seines schäbigen Hotels vorbeilief, aus Liebe vom Strich wegholen will.

... ohne Gewalt

Nach mehrjähriger Songwriting-Pause bringt Sting im September 2013 sein neues Album The Last Ship heraus. Die Songs zu diesem Album entstanden während der dreijährigen Arbeit an dem gleichnamigen Broadway-Musical und haben ihre Wurzeln in Stings Kindheit, als er im Hafen von Newcastle aufwuchs mit starker Bindung zum maritimen Leben und zur Arbeiterklasse. Der Hafen, die Schiffe, die Arbeit und der Kampf ums Überleben sind Themen, die ihn seine ganze Karriere über begleiten. Das Album spielt in Newcastle in den 80er Jahren, während der Schließung der Werften, und sein Stück wurde 2014 in Chicago uraufgeführt und dann am Broadway gespielt.

Sting ist ein großartiger Solist, aber immer wieder arbeitet er mit Kollegen zusammen, die denken wie er. Und es sind viele, mit denen er konzertiert, Peter Gabriel, Paul Simon, Andrea Bocelli, Bono, Whitney Houston, Paul McCartney, Miles Davis, Eric Clapton. 1986 ist er zusammen mit Bruce Springsteen, Peter Gabriel und Tracy Chapman für Amnesty International auf Welttournee mit dem Ziel, das Bewusstsein für ständige Menschenrechtsverletzungen zu schärfen. Sie trafen zusammen mit Menschen, die ohne Verfahren in Gefängnissen gesessen hatten, und mit Folteropfern.

Besonders verwandt fühlte ich mich mit dem chilenischen Volk. Seine Solidarität mit den Pinochet-Opfern gestaltet er im Album Nothing Like the Sun eindrucksvoll in They Dance Alone. Es sind die Frauen, die da mit Fotos ihrer Liebsten den chilenischen Paartanz Cueca allein tanzen, with their fathers, with their sons, with their husbands, die von der Junta entführt wurden, gefoltert, getötet, verschwunden. Er sieht in ihnen seine Mutter, die gerade in diesem Jahr 1987 gestorben war.

Ich möchte schließen mit Stings großartigem Fragile, das wegen des Zusammenhangs zwischen Krieg und Schädigung der Umwelt viele Menschen angesprochen hat. Man kann es in Konzertmitschnitten in youtube sehen, in einem der schönsten vielleicht, wenn er es zusammen mit Stevie Wonder singt, den er liebt, wie einer seiner Sätze besagt: Wer einen tieferen Ausdruck von Lebensfreude kennt als Stevie Wonders Mundharmonika, der soll es mir sagen.

Als kleiner Ersatz zum Schluss für das hier nicht hörbare Fragile ein paar Textzeilen daraus: Wenn Blut fließt, wenn Fleisch und Stahl eins werden, dann kann der Regen die Flecken abwischen / aber in unserem Gedächtnis wer- den sie bleiben, hoffentlich als Erkenntnis, dass Gewalt niemals zu etwas führt und auch nicht führen kann und hoffentlich zum Wissen darüber, wie zerbrechlich wir sind, „fragile” eben.

(erstgedruckt in Mitteilungen der KPF, Oktober 2026)

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