Von den Leben die hellen, von den Toden die schnellen
Brecht zum 70. Todestag – eine Hommage von Gina Pietsch
Ich habe schon viel über Brecht geschrieben. Was schreibe ich nun heute, anlässlich seines 70. Todestages, am 14. August 2026?
Gut, ich schreibe über den Tod, weil es Brecht immer um das Leben ging.
Meine Überschrift enthält wichtige, gute Wünsche, die er im Gedicht „Orges Wunschliste” seinem Jugendfreund Georg Pflanzelt, also Orge, in den Mund legt, am Anfang seines Todesjahres 1956, nach einem Leben, das man weiß Gott nicht einfach „hell” nennen kann, von ihm wohl für sich selber gewünscht. Denn lange vorher hat er auch über seinen Tod nachgedacht, ohne Sentimentalität, auch über seinen Nachruf. Dem mit ihm befreundeten Pfarrer Karl Kleinschmidt rät er: Schreiben Sie nicht, dass Sie mich bewundern. Schreiben Sie, dass ich unbequem war und es auch nach meinem Tode zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.
Wir leben heute, und diese Möglichkeiten? Schauen wir nach und nehmen „nur” seine 48 Stücke, 11 mehr als Shakespeare, 2.300 Gedichte, nur 700 weniger als der viel älter gewordene Goethe, 200 Erzählungen, also sechs mal mehr als Thomas Mann, wenn auch dessen Erzählungen meist länger waren, freilich „nur” drei Romane und „nur” vier Filme.
Seine Prosa, seine Schriften über Politik und Gesellschaft und seine Theaterschriften seinen nicht vergessen. Denn trotz der 15 Jahre Exil schuf er ein neues Theater, jedenfalls eins, das eine neue Gesellschaft befördern helfen sollte und das durch seine Wirkung Weltgeltung erhielt.
Brecht schreibt oft über den Tod, der in der frühen Zeit häufig der Natur geschuldet ist. Die Protagonisten seiner frühen Gedichte liegen nicht selten im Streit mit der Natur, werden vereinnahmt, gehen unter in ihr, leidvoll, aber auch lustvoll, sich mit ihr vereinigend. Die Natur ist immer die Stärkere, der Wald, das Wasser, also müssen sie kämpfen und können es auch. Es sind Baal-Gestalten, Outsider, Selbsthelfer, Reisende oft, heimatlos und einsam, Abenteurer eben, Seeräuber. Im Stück „Baal” sagt der zu seinem Freund Ekart: In 49 Jahren kannst du das Wort Wald ausstreichen. Holz wird man nicht mehr brauchen. Der Mensch wird dann übrigens auch verschwinden.
Brechts Leben fiel in eine Zeit, in der viel gestorben wurde, in zweien, von seinem Land angezettelten Weltkriegen, 17 Millionen Menschen im Ersten, 75 Millionen im Zweiten, darunter Brechts Sohn Frank, der, als Luftjäger eingezogen, am 13. Nov. 1943 im russischen Winter, in Porchow, Nordwestrussland, starb. Neben den Toden an Kriegen sterben die Leute in schlechten Zeiten an Armut, Kälte und Hunger. Das ist natürlich moral-prägend. Im Jahre 1919 – man kann es dem Tagebuch der Filmschauspielerin Frizzi Massary entnehmen – zerreißen auf offener Straße, in der Berliner Frankfurter Allee, hungernde Menschen ein Pferd, das aus Schwäche zwar den Wagen nicht mehr ziehen kann, aber noch längst nicht gestorben ist. Brecht nimmt den Vorgang in schweren Zeiten,1931, noch einmal auf in seinem großen Gedicht Ein Pferd klagt an, nach Grimms Märchen Oh Falladah, die du hangest.
Aus Sorge, dass das nun mit Kriegen, und also Sterben durch Bomben, Hunger und Kälte, so weiter geht – auch unsere, derzeit besonders akute Sorge – warnte Brecht in einem mahnenden „Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller 1951 so: Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
Schon als Gymnasiast war der 1. Weltkrieg eines seiner wichtigen Themen. Brechts erster Antikriegssong ist des 16-jährigen Gymnasiasten „Moderne Legende”, die den Siegesjubel auf der einen Seite und die Trauerschreie auf der anderen beschreibt, aber der Schluss sagt: Nur die Mütter weinten hüben – und drüben. 1918 beobachtet der Dichter: Im Frühjahr 1918 durchkämmte der kaiserliche General Ludendorff zum letzten Mal ganz Deutschland nach Menschenmaterial. Die Siebzehnjährigen und Fünfzigjährigen wurden eingekleidet und an die Front geschickt. Das Wort k.v., welches bedeutet kriegsverwendungsfähig, schreckte noch einmal Millionen von Familien. Das Volk sagte: Man gräbt schon die Toten aus für den Kriegsdienst.
Brecht ging das sehr an, denn einer der 3 Millionen Schwerverletzten war sein engster Freund Caspar Neher, im April 1917 in Flandern verschüttet, begraben, bis August im Krankenhaus und dann wieder an die Front zu weiteren 32 mörderischen Einsätzen. Brechts dichterischer Kommentar dazu war in diesem Jahr seine sehr berühmte Legende vom toten Soldaten. Diesem großen Song, von Brecht selber komponiert und gesungen zur Klampfe, ging ein Aufsatz voraus, für den er fast vom Augsburger Realgymnasium geflogen wäre. Das Thema war: Dulce et decorum est pro patriam mori, und alle bestätigten diesen Satz. Brecht aber schrieb: Der Ausspruch, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden. Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bett wie auf dem Schlachtfeld ... Nur Hohlköpfe können die Eitelkeit so weit treiben, von einem leichten Sprung durch das dunkle Tor zu reden. Der Hohlkopf hieß übrigens Horaz.
Es gab aber auch zu lachen in dieser schlimmen Zeit. Diese Legende geht so: In der Stadt M. wurde nach dem Krieg für ein Freikorps geworben. Ein Schulfreund von Herrn B. war eingetreten, und Herr B. schrieb ihm empört, er werde im Falle seines Heldentodes nicht am Begräbnis teilnehmen. Eine Woche später gereute Herrn B. dieser Brief. Er schrieb einen neuen. „Ich habe es mir überlegt. Dummheit ist kein Scheidungs- grund. Ich sehe Deinem Heldentod nunmehr fassungslos entgegen und werde zum Begräbnis kommen. Der Schulfreund trat aus dem Freikorps wieder aus.
In der Zeit des zweiten Weltkrieges schrieb Brecht zumeist für die Schublade, immer natürlich in der Hoffnung auf eine bessere Zeit, in gewisser Weise dann erreicht in der DDR, bei seinen „Mühen der Ebene”, dem Land, in dem er die letzten 9 Jahre seines Leben arbeitete, schrieb, lehrte, inszenierte, organisierte, sich einmischte in Politik, selten zur Freude der Herrschenden, Vorschläge machte, die hin und wieder angenommen wurden, wie es seinem Wunsch von 1933 entsprach:
Ich benötige keinen Grabstein
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen
Seine „Mühen der Ebene” sind viele und auch von mir schon oft besprochen. Zur Geschichte habe ich in einem Gespräch Brechts mit Jugendlichen in der Zeitschrift „Dionysos” vom Jahre 1948 folgendes gefunden: Ich kenne die Ziffern der im Dritten Reich ermordeten Widerstandskämpfer. Sie sind riesig. Da sind mehr Leute gefallen als in Frankreich und Norwegen; da haben mehr Leute gekämpft als in den englischen und amerikanischen Heeren. Ich nenne die Ziffern, wo ich nur kann. Aber ich weiß auch, daß die überlebenden Kämpfer heute nicht wagen, von ihren Taten zu sprechen, aus Besorgnis, jetzt für Vaterlandsverräter erklärt zu werden. Davon zu reden, schäme ich mich.
Bleiben wir mal bei dieser Zeit, in der aus deutschen Dichtern und Denkern deutsche Richter und Henker wurden, die mindestens tausend Jahre bleiben wollten. Hitler nach dem Reichstagsbrand: Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht.
Die Kommunisten waren damals fast die Einzigen, die protestiert haben, aber, Brecht schreibt 1937:
Die protestiert haben
Sind erschlagen worden
Aber die sich nicht gewehrt haben
Wurden auch erschlagen
Zehn Jahre zuvor erschien sein „Berliner Requiem” mit Texten, die das über den Tod aussagen, was der großstädtische Mensch zu diesem Thema empfindet, mit Choraladaptionen, die dem bibelfesten Dichter sehr liegen. Auf den berühmten Choral „Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren” schreibt er da: Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben! Schauet hinan: Es kommet nicht auf euch an. Und ihr könnt unbesorgt sterben.
Vieles hat da wieder mit Natur zu tun, die hier mit dem Menschen freundlicher umgeht, als seine Artgenossen, so jedenfalls erleben wir sie in der wunderschönen „Ballade vom ertrunkenen Mädchen”, die eigentlich „Vom erschlagenen Mädchen” hieß und Rosa Luxemburg gewidmet war, die man bekannterweise erschlagen hatte. Von Brechts Gefährdungen müsste ich noch vieles schreiben, denen im Exil, denen unter Stalin in der Sowjetunion, über die er so viel Wunderbares geschrieben hatte und doch von einigen das lebensgefährliche Stigma des Trotzkisten angehängt bekam. In Amerika dann galt er als Parteikommunist und war deshalb besonders gefährdet. J. Edgar Hoover, der Chef des FBI, bemühte sich persönlich darum, BB als gefährlichen antiamerikanischen Kommunisten zu denunzieren. Im dänischen Exil schon hatte Brecht geschrieben:
In den Weiden am Sund
Ruft in diesen Frühjahrsnächten oft das Käuzlein.
Nach dem Aberglauben der Bauern
Setzt das Käuzlein die Menschen davon in Kenntnis
Daß sie nicht lang leben. Mich
Der ich weiß, daß ich die Wahrheit gesagt habe
Über die Herrschenden, braucht der Totenvogel davon
Nicht erst in Kenntnis zu setzen.
Nicht jedem ruft das Käuzchen, aber gefährdet sind wir alle.
Das Volk verliert jeden Krieg, wie er nach Hiroshima sagt, wo nur ein Flugzeug mit 13 Mann Besatzung nötig war, um 200.000 Menschen sofort, 120.000 danach zu töten:
Die Früchte des Wissens sind tödlich geworden. Das darf nie vergessen werden. Trotzdem, nach all den vielleicht deprimierenden Todesbeschreibungen zum Abschluss eine schöne, in Brechts
Liebeslied
Morgens und abends zu lesen
Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte
Die Sorge wegen der Regentropfen war schön, die wegen der Nierenschmerzen bei einem Whisky nach dem Tod der Geliebten Margarete Steffin wichtig. Denn, seine Meinung: Der Tod ist zu nichts gut.
Mit den Nieren übrigens hat er es oft gehabt. Bei seinen Todesursachen widerspricht sich einiges. Meist wird es auf sein Herz geschoben, von dessen Problemen schon der ganz junge BB häufig sprach, der Herzneurose damals, die nie bestätigt wurde, Herzinfarkt am Ende, auch nicht ganz sicher. Sicher jedenfalls, wie seine Frau Helli und seine Tochter Barbara sagen, seine letzten Worte am 14. August 1956, um 23.45 waren: Laßt mich in Ruhe!
Gina Pietsch
(erstgedruckt in Nr. 8. der Mitteilungen der KPF, 2026)