Ideen kann man nicht töten
Fidel Castro zum 100. Geburtstag am 13.08.2026
Mit diesem Satz verhinderte am 2. Dezember 1956 ein großer Schwarzer, Oberleutnant Sarría unter Batista, dass seine Soldaten auf die 82 Passagiere schossen, die von der Freizeitjacht Granma kommend, den drei Jahre zuvor begonnenen Kampf gegen die verhasste Diktatur weiter führen wollten. Den Tag sehen wir heute als den Beginn der kubanischen Revolution an, die geführt von Fidel Castro, Ernesto Che Guevara, Camilo Cienfuegos und den Tausenden mutiger Kämpfer wurde.
Fidel hat da viel zu erzählen. Ignacio Ramonet hat rund 100 Stunden gesprochen mit ihm, einer der, wie er sagt herausragendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und so eine 800 Seiten lange, wunderbare Biografie verfasst. Ich hab nur drei Seiten zur Verfügung, werde also selbst, was ich für wichtig halte, nur anreißen können. Dazu gehört Fidels enge Begegnung mit mehreren hundert der wichtigsten Künstler, Wissenschaftler, Intellektuellen seiner Zeit – von Harry Belafonte bis Diego Maradona, von Robert Redford bis Jean Paul Sartre – und dass er gleichzeitig zehn US-amerikanische Präsidenten – Eisenhower, Kennedy, Johnson, Nixon, Ford, Carter, Reagan, Bush senior, Clinton und Bush junior – auf Trab hielt.
Seit 1960 führten die USA einen Wirtschaftskrieg gegen Kuba, das das Land jährlich mehr als sechs Milliarden Dollar kostet, 2,4 Millionen Dollar allein gaben die USA an Organisationen aus, die einen Regierungs-Wechsel in Kuba herstellen sollten. Hintergrund war: Die Mafia hatte vor der kommunistischen Revolution mit Prostitution und Glücksspiel auf Kuba geherrscht und war deshalb ein Feind des neuen Regimes. Das hieß: mehr als 3.500 Tote und 20.000 auf Lebenszeit Verletzte durch von den USA geführten oder bezahlten Attentaten, 684 allein auf Fidel, mit Giftpillen, vergifteten und explodierenden Zigarren, sowie mit Tuberkulose-Bakterien infiziertem Taucheranzug. Fidel sagte einmal: Wenn das Überleben von Attentatsversuchen eine olympische Disziplin wäre, würde ich die Goldmedaille gewinnen. Aber er sagte auch: Sie sollen mir die Hand abhacken, wenn sie hier nur einen einzigen Satz finden, der das Volk der Vereinigten Staaten diskriminiert. Wir wären fanatische Ignoranten, würden wir die Menschen in den USA für die Differenzen unserer beiden Regierungen verantwortlich machen.
Fidel heißt mit vollem Namen Fidel Alejandro Castro Ruz, wobei Fidel der Name seines Taufpaten ist, einem Millionär, weshalb er auf ihn also nicht stolz sein kann. So jedenfalls sagt der ehemalige kubanische Revolutionär, kommunistische Politiker, marxistische&xnbsp;Theoretiker, Regierungschef und erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas, der mit Bewegung des 26. Juli, der Würdigung des Sturms auf die Moncada-Kaserne die treibende Kraft der kubanischen Revolution war, aktiver Bekämpfer der lange noch vorhandenen subjektiven Diskriminierung schwarzer Menschen, treuer Unterstützer antikolonialer und nationaler Befreiungsbewegungen der so genannten Dritten Welt in Unabhängigkeitskämpfen gegen die herrschenden Kolonialmächte.
Dass diese kapitalistische Gesellschaft nichts taugt, wusste der junge Mann, der am eigenen Leib das Leben auf einem Latifundium erfahren hatte. Und dass es ohne Internationalismus keine Rettung für die Menschheit gibt, davon ist der utopische Kommunist, wie Fidel sich nennt, überzeugt, bevor Martí, Marx, Lenin, Christus seine Vorbilder werden. Diese Überzeugung hat mindestens ab seiner Kenntnis des „Kommunistischen Manifests” einen wissenschaftlichen Hintergrund. Denn wer Marx nicht gelesen hat ... der muss sich fühlen wie nachts in einem Wald, ohne die Himmelsrichtungen zu kennen.
An der Uni in Havanna hatte er sich für fünfzig Kurse eingeschrieben, in Sonderheit Rechtswissenschaft, Internationales Recht und Sozialwissenschaften, beendet das Studium mit dem Erhalt des Doktortitels für Jura und wird als Anwalt zugelassen. Von all seinen bewundernswerten Eigenschaften sticht heraus seine Intelligenz und Eloquenz. Über Fidels Redekunst finden wir beim Dichter Gabriel Garciá Márquez: Er beginnt stets mit fast unhörbarer Stimme, mit unbestimmter Richtung, aber er benutzt jeden Funken, jeden Geistesblitz, um Boden zu gewinnen, Schritt für Schritt, bis er sich plötzlich mit einem großen Paukenschlag seiner Zuhörer bemächtigt. Es ist die Inspiration, ein unwiderstehliches und blendendes Begnadetsein, das nur jene leugnen, die nicht das Privileg hatten, es zu erleben.
Ich hab das erlebt, 1978 bei den Weltfestspielen in Havanna in der Menge gestanden und bei 40 Grad Celsius, mehrere Stunden, die er sprach vor mehreren tausend Menschen, ohne ein Stück Papier und hörbar, sichtbar, fühlbar begleitet von der Liebe seines Volkes.
Wie kam es zu dieser Liebe?
Ich denke, es hat zu tun damit, was dieses kleine Land trotz ständiger Angriffe über 70 Jahre erreicht hat auf dem Gebiet der Gesundheit, der medizinischen Forschung, mit den 30.000 ausgebildeten Ärzten, die im Ausland arbeiteten, und den trotzdem noch 40.000 Kollegen zu Hause , die 25.000 Medizinstudenten für die kommenden Jahre nicht zu vergessen. Natürlich gelten diese Zahlen, wie alle anderen, für die Zeit der Gespräche Ignacio Ramonets mit Fidel. Für heute werden sie meist nicht mehr reichen. Diese Ergebnisse erlauben ihnen, auf Bitten lateinamerikanischer Länder, 100.000 Ärzte für sie auszubilden.
Von Bildung und Ausbildung muss gesprochen werden, nicht nur, weil das zu Fidels Lieblingsthemen gehörte. Zur Ausmerzung des Analphabetismus benötigten sie sage und schreibe ein Jahr. Die kostenlose Ausbildung von Vorschule bis Dissertation ermöglichte die höchste Schul-Abschlussquote aller Länder im Umkreis. Diese grundsätzliche Steigerung des kulturellen Niveaus führte zur Abschaffung des Rassismus, zur Emanzipation der Frau, zu enormer Reduzierung der Kindersterblichkeit und – zum Überleben des linken Projekts, das bis heute unter verschärften Bedingungen zum Vorbild und Haltepunkt für alle Entrechteten dieser Welt wurde.
Das schien zu Zeiten, als es das sozialistische Lager noch gab, fast selbstverständlich, die besondere finanzielle Unterstützung durch die Sowjetunion gehörte freilich dazu, jedenfalls bis zur Kubakrise 1962 und später wieder. Trotzdem, wie schwer wurde die Zeit danach für dieses kleine, mutige, liebenswerte Ländchen, dicht an der Küste dieser Supermacht, die überall in der Welt freiheitliche Bestrebungen zu terroristischen erklärte und natürlich zerstören wollte und will, bis heute. Und natürlich hat diese Liebe, wie jede Liebe, zu tun mit seiner Person, seiner Persönlichkeit, mit dem Teil davon, das unbedingt den Namen Charisma verdient.
Talentierter Rebell
Ich hab ihm einmal an einem Tisch gegenüber gesessen, als ich mit dem Oktoberklub anlässlich seines Besuchs bei uns für ihn singen durfte. Nach dem Singen, beim Essen hab ich mit ihm, besser gesagt, er mit mir und uns gesprochen. Und da war wieder dieses von Gabriel Garciá Márquez beschriebene unwiderstehlich und blendende Begnadetsein.
Wo kam das alles her? Zunächst einmal von einem Ort, wo er das kaum lernen konnte. In einer Siedlung im Osten Kubas, die wegen ihrer Kleinheit kaum Dorf zu nennen ist, Birán geheißen, kam er am 13. August 1926 um zwei Uhr morgens zur Welt, in einem Haus ohne elektrischem Licht.
Der Vater war ein armer Galicier, der landete auf Kuba als spanischer Soldat, weil er den Sohn eines Reichen für Geld beim Militärdienst ersetzte, ein Mann, der, wie später seine Frau auch, sich Lesen und Schreiben selber beibrachte, beide mit starkem Charakter und großem Organisationstalent. Und so hatten sie's geschafft, aus eigner Kraft eine Zuckerrohrplantage und also einen gewissen Reichtum aufzubauen. Ansonsten waren alle Menschen dort in Birán bettelarm, 80% von ihnen Analphabeten.
Der kleine Fidel lernt mit 4 Jahren schreiben. Seine größeren Geschwister hatten ihn mit in die Schule genommen, und er guckt sich von ihnen ab, wie sie schrieben. Die Eltern schicken ihn dann nach Santiago, auf eine Jesuiten-Schule, wo ihm nichts beigebracht wird. Die Schulhefte seiner Geschwister enthielten eine Tafel, die Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren abbildeten, die lernt er auswendig. Er lernt hungern dort, was er von zu Hause nicht kennt und deshalb für Appetit hält. Und er lernt zu rebellieren. Nach wiederholten unverdienten Schlägen durch den Schulbetreuer, viel kleiner als dieser, wehrt er sich, beißt und tritt ihn. Diesen Widerstand vergisst er nicht, er wird sein Leben bestimmen.
Erster konkreter Versuch, widerständig seine Gesellschaft zu verändern und als Initialzündung für einen Volksaufstand gegen die Batista-Diktatur zu wirken, wird dann am 26. Juli 1953 der mit zumeist poltisch ungebildeten, wohl mit Klasseninstinkt aber wenig Klassenbewusstsein ausgerüsteten 165 Jugendlichen die Moncada-Kaserne in Santiago zu stürmen – ein gescheiterter Versuch, heute aber der Nationalfeiertag Kubas, geheißen Día de la Rebeldía National oder Tag der Nationalen Erhebung. Castro wird nach diesem Tag festgenommen und der Justiz überstellt und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Beim Prozess am 16. Oktober 1953 verteidigt er sich selber mit seiner berühmt gewordenen Rede Die Geschichte wird mich freisprechen!
Verschiedene Widerstandshandlungen, Hungerstreik zum Beispiel, lassen ihn nach 2 Jahren freikommen. Er geht nach Mexiko, trifft auf Che und lernt wieder. Ist beschäftigt mit José Martís Philosophie und deren Anteil an christlicher Ethik, findet da viel Ähnlichkeit in Martís Programm, das er für das humanste und fortschrittlichste seiner Zeit hält. Die Philosophie der kubanischen Armee in den vielen Kämpfen keine zivilen Opfer zu produzieren, hat ihnen die Unterstützung von neunzig Prozent der Bevölkerung eingebracht und kann auf diese christliche Ethik zurückgehen. Über die Bibel sagt er jedenfalls: Mit den Predigten Jesu Christi kann man ein radikales sozialistisches Programm ausarbeiten, ob Sie gläubig sind oder nicht.
Diese seine Haltung führt dazu, dass er den Beschluss seiner Partei bei ihrer Gründung, Katholiken nicht als Mitglieder aufzunehmen, bekämpft, erfolgreich. Hintergrund dazu war seine Begegnung mit der Befreiungstheologie bei einem Besuch von Salvador Allende in Chile 1971. Dort wie bei fast allen anderen Kämpfen der dritten Welt, Angola, Nicaragua, Vietnam und Chile war das kubanische Volk unter großen Opfern solidarisch, militärisch, medizinisch, materiell. Das hing natürlich mit ihren eigenen schlimmen Erfahrungen mit diesem hegemonialen Nachbarland zusammen.
Die Zahl der Sabotageakte durch die Regierung der Vereinigten Staaten neben der siebzigjährigen Wirtschaftsblockade, ist kaum zu zählen oder zu erzählen. Nennen will ich hier nur die von 1960, die Operation „Peter Pan”, praktisch die Entführung von 14.000 Kindern, vorbereitet mit der Lüge, dass Kuba Eltern ihr Sorgerecht entziehen würde, und vorbereitet durch Horrormeldungen, dass Kuba die Kinder zu Dosenfleisch verarbeitet. Die Kinder wurden oft alleine oder mit irgendeinem Freund weggeschickt. Ausreisepapiere waren nicht nötig, da ja jeder, wenn er wollte, ausreisen konnte. Viele von ihnen sind heute erwachsen und klagen ihre Eltern an.
Nach den 72 Stunden, in denen sie die von den USA organisierte Söldnerinvasion in der Schweinebucht 1961 niedergeschlagen haben, folgen 5780 terroristische Angriffe, die 3.500 Kubanern das Leben kosten, und als hätte ihre Invasion in der Schweinebucht nicht gereicht, die Verbreitung des Schweinepestvirus.
Fidel, der all diese Kämpfe in der Hand hat, nur vier Stunden am Tag schläft, hätte nun zu seinem 100. enorme Ehrungen verdient. Seiner Anweisung nach, gibt es keinerlei Statuen oder Denkmäler, auch keine nach ihm benannten Straßen oder Plätze. Lieder gibt es viele über Fidel. Das bekannteste schrieb der kubanische Liedermacher Carlos Puebla Y en eso llegó Fidel.
Als Fidel starb, sagte der Präsident Boliviens Evo Morales: Das Ableben des Bruders Comandante Fidel ist sehr schmerzlich. Die beste Ehrung ist die Einheit der Völker, ist, niemals seinen Widerstand gegen das imperialistische Modell und gegen das kapitalistische Modell zu vergessen.
In großer Bewunderung, Gina Pietsch
(erstgedruckt in Mitteilungen der KPF, Heft /2026)