Pressestimmen
Burschikos macht sich Mutter Courage breit
Brechtabend
Gina Pietsch & Co. singen in der Barfüßerkirche gegen Krieg und Unrecht an
(von Alois Knoller, Augsburger Allgemeine)
Diese Stimme braucht keine Kanzel.
Sie braust durch die Barfüßerkirche wie ein Regiment Dragoner. Burschikos macht sie sich breit, preist schreierisch ihre Waren an und predigt den Verdammten eine letzte
Linderung. Gina Pietsch, 71, als Mutter Courage bricht wie eine Naturgewalt ein ...
Der Mensch denkt: Gott lenkt
Der Brechtkreis veranstaltete ein Konzert zum 120. Geburtstag des Augsburger Dichters
(von Halrun Reinholz, Die Augsburger Zeitung)
„ ... Für das Geburtstagskonzert hatte Michael Friedrichs Gäste eingeladen, die dies eindrucksvoll belegten. Allen voran Gina Pietsch aus Berlin, die Grande Dame der Brecht-Chansons in der DDR-Tradition, einst Studentin bei Gisela May und mit Ekkehard Schall befreundet. Mit Bühnenpräsenz und einem umfassenden Repertoire gab sie der Veranstaltung auf souveräne Art einen würdigen Schwerpunkt. Entscheidend trug dazu auch die sie begleitende Pianistin Christine Reumschüssel bei. Die beiden sind ein kongeniales und gut eingespieltes Team ...”
ganzen Artikel lesenMit den „Waffen des Griechentums”
Gina Pietsch und Christine Reumschüssel feierten Mikis Theodorakis' 90. Geburtstag
(Von Hilmar Franz, Unsere Zeit)
„Weil ich mich nicht Gesetzen beugte”. In ihrer vielfarbigen und kontrastreichen Theodorakis-Hommage, passgerecht zum neunten Dezennium am 29. Juli, verströmten Gina Pietsch (Gesang) und Christine Reumschüssel (Synthesizer) eine künstlerische Energie, die viele Facetten zum Leuchten brachte. Als professionelles Duo liefen sie jetzt ein weiteres Mal zu potenzierter Hochform auf. Die weithin bekannte Sängerin und Schauspielerin, auf Brecht und über ein Dutzend weiterer Autoren spezialisiert, mit der versierten Jazz/Rock/Pop-Pianistin, die zuletzt für Barbara Thalheim oder für Hans-Eckardt Wenzel spielte. Die Stimmung in der übervollen Berliner Ladengalerie der „jungen Welt” kulminierte beim furiosen (und nun erst in nahezu voller Länge noch einmal) zugegebenen Sirtaki.
Weiterlesen
„Zorbas, der Grieche” rahmte also faktisch diesen biografisch scheinbar querstehenden Liederabend, bei schwierigem Gleichgewicht der künstlerischen Ausdrucksmittel für gestaltwerdende Kämpfe, prophetische Triumphgesänge, Elegien und Klagen. Wie schon vor Jahren, als sie Auswahl und eigene dramaturgische Gestaltung für und mit dem Begleiter vorbereitete und umsetzte, kann sich Gina Pietsch auch heute auf gelungene deutsche Nachdichtungen der Verse von Jannis Ritsos, Giorgos Seferis, Odysseas Elytis, Iakovos Kambanellis, Jannis und Mikis Theodorakis stützen, um nur die bekanntesten zu nennen. Zum gelingenden Nachvollzug hat Liedermacher Frank Viehweg in Pietschs Auftrag das meiste beigetragen. Gisela Steineckert, Heinz Czechowski, Hans-Eckardt Wenzel und andere überließen ihr jeweils frühere Arbeiten.
Gina Pietsch verfügt über reiche Grundhaltungen und Ausdrucksnuancen des an Brecht geschulten gestischen Singens, sie setzt zuweilen auch melodramatisches Sprechen ein. In Christine Reumschüssel hat sie eine ideale Partnerin: zupackend gehämmerte Einleitungsakkorde, rasant treibende Tempi, sicheres „Wiedereinfangen” freien Gesangs. Das hymnisch-bekenntnishafte „Die ganze Erde uns und kein Stück unsren Feinden”, ebenso Reumschüssels folkloristisch-tänzelnder Kommentar zu „Diese Bäume dulden einen geringeren Himmel nicht”, ließen den ersten Programmschwerpunkt, Ritsos' Gedichtzyklus „Griechentum” mit der Musik von Theodorakis (1966), zum Erlebnis werden.
Im Jahr vor dem Obristenputsch begann der Komponist zu ahnen, „dass Griechentum nicht Vergangenheit, sondern Zukunft besingt”: „Wenn sie die Faust ballen, ist sich die Sonne der Welt gewiss …” Mikis war damals auf einer Solidaritätsdemo für den vom Königshaus weggeputschten Ministerpräsidenten Georgios Papandreou von der Polizei niedergerissen und misshandelt worden. Nach dem Militärputsch folgten dann ab 1968 nicht nur krankmachende Haft, und Folter, sondern auch das totale Verbot fortschrittlicher Kunst. Für Theodorakis bedeutete es das Aus für seine persönlichen Erneuerungsversuche, die eine „unmittelbar wirkende griechische Musik im Einklang mit der Volksbewegung” zum Ziel hatte. Kulturell betraf es ebenso Ritsos’ Verflechtungsbemühungen von Dichtung und Kampf.
Der seit Ende der 50er Jahre durch Maria Farantouri berühmt gewordene Epitaph 3, eine Mutter an ihren Sohn, von Ritsos/Theodorakis („An einem Maitag gingst du fort”), berührt auch in dieser Berliner Theodorakis-Hommage zutiefst. Die vokal verinnerlichte Klage bedarf allerdings keiner instrumental „entrückenden” Pedalwirkung: Der Reiz liegt im „Archaischen” und im Durchscheinen von traditionellen und neuen Techniken, eigenständigen Charakterisierungen des „zeitgenössischen Volkslieds” als Ausgangsmaterial.
Jannis Ritsos schrieb 1968 unter leid- und schmerzvollen Bedingungen auf der Gefängnisinsel Leros heimlich Epigramme. Als „Kassiber” gelangten sie 1972 in Mikis’ Pariser Exil, wo sich der Schwerkranke ihrer annahm, inzwischen kraft weltweiter Solidarität aus dem KZ Oropos gerettet. So entstand der Zyklus „18 kleine Lieder für die bittere Heimat”, aus denen wir von Pietsch auf Griechisch gesungen „Silleitourio” hörten. Der Zyklus wurde im Jahr vor dem Sturz der griechischen Obristendiktatur parallel in Paris und im Athener Untergrund für die Schallplatte aufgenommen. Von London aus gelangte er auf Solidaritätstouren mit Mikis, Maria Farantouri und anderen Prominenten bald live in die Welt bis zum triumphalen Solidaritätsempfang für den heimkehrenden Mikis Theodorakis, November 1974 im Stadion von Piräus. Zwar heißt „Silleitourio” „gemeinsame Feier”, doch darf die folkloristisch-tänzelnde Begleitung nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie zu Ritsos’ zornig verknapptem Text scharf kontrastiert. Theodorakis sah in dieser eigenen Ausdrucksform Waffen des Griechentums zum Sieg über Tyrannei, indem das Volk zum Singen und Tanzen aufgefordert sei.
Bei aller Fülle der im Netz und auf Tonträgern verfügbaren Aufnahmen tut es zweifellos gut, den „klassisch” gewordenen Liedern des Kampfes („Im Schlachthaus”, „Weil ich mich nicht den Gesetzen beugte”, „Sotiris Petroulas”, „Verweigerung”), der Anklage („Lied der Lieder” aus der Mauthausen-Kantate), oder den zu Tausenden populären über die Liebe live nachzulauschen.
Unbeirrt von fatalen persönlichen Erfahrungen im Griechenland der späten 70er Jahre, als er sich der aktiven Sammlung der antidiktatorischen Kräfte einschließlich der Kommunisten verschrieb, rät Mikis heute seinen linken und kommunistischen Landsleuten, nochmals in einer breiten „Volksfront” gegen das System des Finanzkapitalismus und seiner politischen Helfer aufzustehen.
Lob des eigensinnigen Kreters
Ein Mikis-Theodorakis-Abend zum 90. des Komponisten in Berlin
(Von Jana Frielinghaus, junge Welt)
„Weil ich mich nicht Gesetzen beugte” – unter diesem Titel stand das denkwürdige Programm mit Liedern von Mikis Theodorakis, das Gina Pietsch und Christine Reumschüssel am Mittwoch abend in der jW-Ladengalerie vortrugen. Das Konzert war seit Wochen ausgebucht, entsprechend groß der Andrang.
Was diesen Geist und Seele gleichermaßen berührenden Abend prägte, war erstens die Brillanz der Interpretation: Die komplexen Melodien und Partituren verlangen jedem Sänger und jedem Instrumentalisten einiges ab. Zweitens: Die Poesie. Die Lieder von Theodorakis funktionieren am besten zusammen mit der vokalreichen, weichen griechischen Sprache, zumal er vielfach Werke berühmter Lyriker wie Giannis Ritsos und Giorgos Seferis vertont hat. Also galt es, die klangvolle Schönheit der Originale ebenso zu Gehör zu bringen wie den Inhalt der Verse. Gina Pietsch, die insbesondere als Brecht-Interpretin bekannt geworden ist, hat das mit sagenhafter Eleganz gemeistert – das Griechische, „abgehört von Maria Farantouri”, wie sie sagt, und die Vermittlung des Sinns der Worte. Letzteres mit Hilfe insbesondere von Frank Viehweg.
Weiterlesen
Der Liedermacher hat die meisten der im Programm verwendeten Nachdichtungen verfasst, einige sind auf seiner Website nachzulesen. Da ist zum Beispiel das von Iakovos Kambanellis stammende „Mach heute Nacht das Bett für zwei” aus dem Drama „Viertel der Engel” von 1963. In Viehwegs Fassung: „Der Weg ist nichts als finstre Nacht / Bis ich zu dir gefunden / Ich streck die Hand aus auf Verdacht / Nach dir in allen Stunden”. Oder das von Mikis Theodorakis selbst geschriebene, schmerzvolle „Dunkelrot der Rosenstrauch”: „Mitten im Mai schlug der Feind dich tot / Hat mir die Haut gekerbt (…) / Mit deinem Tod ging soviel dahin / Hoffnung und Utopie / Wir sind verwandelt in Schemen und / Leben genau wie sie (…) / Und unsre Fahnen, die trägt man schon / Als Werbeträger auf / Und unsre Träume seit alters her / Gibt es im Ausverkauf”.
Zwischen den Liedern geht es, drittens, um das Leben des griechischen Nationalhelden, also zu großen Teilen um Politik, um die Frage, was links ist und wie man mit verschiedenen Ansichten und – auch schweren – Fehlern Verbündeter umgeht. Davon erzählte Gina Pietsch entlang der Biographie des Komponisten, der sich bis heute als Kommunist bezeichnet und der nahezu an allen Befreiungskämpfen seines Landes beteiligt war – als Künstler genauso wie als Aktivist und Politiker. Der eigensinnige Kreter hat unter den Nazis, den reaktionären Machthabern der Nachkriegszeit und den faschistischen Putschisten gelitten, die Griechenland sieben Jahre (1967–1974) im Würgegriff hielten – physisch wie psychisch. Aber er hat auch an scharfen Urteilen von links schwer getragen, und an Agonie und Korruption, die die Jahre nach der Diktatur prägten und deren Spätfolgen bis heute spürbar sind. Trotz alledem hat Theodorakis nie aufgehört, sich einzumischen, zuletzt Mitte Juli mit einem flammenden Appell für eine neue „Volksfront” gegen das System des Finanzkapitals (siehe jW vom 16.7.).
Gina Pietsch und Christine Reumschüssel schaffen es, die Balance zwischen Politischem und den im Werk des Komponisten ebenso wichtigen lyrischen Balladen, zwischen kämpferischem Pathos und Romantik zu wahren, ohne ins Schlagerhafte abzugleiten. Dies ist auch das Verdienst der bewundernswerten Pianistin, die in der Klassik genauso zu Hause ist wie in Jazz und Pop: Sie behandelt die Noten mit dem nötigen Ernst und weiß doch eine klitzekleine ironische Distanz zu wahren.
Übermutter Courage
Gina Pietsch interpretiert Brecht
Na, da muss man doch nur einfach klatschen, wenn eine Gina Pietsch mit Haut und Haaren, ausgeklügelter Sprach- und Gesangskunst in Brechts Geburtshaus sich jenen Brecht/Weill/Eisler-Songs so hingibt, dass Brecht-Fans, die diese Lieder schon hundertmal gehört haben, geneigt sind, die Texte neu zu verinnerlichen.
Dabei beherrscht Gina Pietsch, Schülerin von Brechts Schwiegersohn Ekkehard Schall und von Gisela May, nicht unbedingt die ganz leisen Töne, die BB so feinsinnig in seine Gedichte und Lieder hineinzuschreiben gewusst hatte. Aber dafür wird Pietsch zusammen mit ihrer erstklassigen Pianistin Christine Reumschüssel im „Lied von der großen Kapitulation” zu einer totalen (Über-)Mutter Courage. Und mit dem Wissen von der Überdrüssigkeit eines Hurendaseins vermittelt sie in der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit” direkt die geilen Männergefühle. Diese Ballade gehört in die „Dreigroschenoper” wie der „Barbara-Song” und das Rachelied „Die Seeräuber-Jenny”, in der jener stets aufs Neue mit Spannung erwartete Ausruf „Hoppla” von den Interpreten mal leise, mal beiläufig oder wie bei Gina Pietsch mit eiskalter Freude gesprochen wird.
Weiterlesen
Zur Höchstform lief die BB-Chanteuse auf, als sie im Sinne Brechts mit dem „Lied des Speichelleckers” aufdeckte, wie lächerlich sich die machen, die nach oben buckeln und nach unten treten. Das manchmal in Pietsches Vortrag überbordende Pathos, das ein wenig „Zuviel” an Hineinlegen war vergessen, als die Diseuse in ihrer letzten von vier Zugaben bewusst machte, was für einen wunderbaren Text Bert Brecht mit seiner „Kinderhymne” 1950 als Gegenentwurf zum „Deutschlandlied” in der BRD und zur „Becher-Hymne” in der DDR verfasst hatte. Doch sein mit dem Vers „Anmut sparet nicht noch Mühe” beginnender Text war zu keiner Zeit kompatibel mit den Vorstellungen der Politikerelite.
(Sybille Schiller, Augsburger Allgmeine)
Ein Abend voller Melancholie, Tiefe und Stolz
Gina Pietsch beeindruckt das Publikum beim Mikis-Theodorakis-Abend der Theatergemeinschaft im Stadthallenrestaurant
Gina Pietsch sang teils auf Deutsch, teils auf Griechisch.
Foto: Carola Flügel
Eckernförde. Spiegelglatt ist das Wasser der Eckernförder Bucht, kaum ein Kräuseln zeigt sich auf der Oberfläche. Ganz anders als im Leben des großen, griechischen Musikers Mikis Theodorakis.
Rund 50 Zuschauer erlebten im Stadthallenrestaurant einen intensiven, von der Theatergemeinschaft organisierten Mikis-Theodorakis-Abend, den Gina Pietsch (Gesang) und Pianaist musikalisch illustrierten. Pietsch berichtet detailreich aus Lebensabschnitten des griechischen Komponisten, der sich auch als Schriftsteller und Politiker einen Namen machte, bevor sie chronologisch passende Stücke präsentiert. Beeindruckend: Die Lieder werden teils auf Griechisch, teils auf Deutsch gesungen und erlauben so tiefere Einblicke in Aussage und Bedeutung manch bekannter Melodie, sensibel übertragen von einem Freund für sie – Frank Viehweg. Schon das Motto des Abends, „Weil ich mich nicht Gesetzen beugte”, wies auf ein bewegtes Leben hin. Wie bewegt, das wurde Stück für Stück und Satz für Satz immer klarer: Der Mann, der sich stets als Kreter sah – stolz und unbeugsam (sein Vater stammte von der Insel im Mittelmeer) – bezog schon früh Stellung, schloss sich im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand an, wurde mit 18 Jahren erstmals inhaftiert und gefoltert. Noch als Schüler ließ er die Berufsbezeichnung „Komponist” in seinen Pass eintragen. Anfang der Fünfzigerjahre bestand er nach durch Kampf, Verhaftung, Verbannung und Folter tief gezeichneten Lebensjahren sein Examen am Athener Konservatorium.
Weiterlesen
Gina Pietsch, ein Energiekraftwerk in Purpur, interpretiert dies respektvoll und angemessen ernsthaft. Ihre Stimme, vom fremden Leid gezeichnet wie Schleifpapier der feinsten Körnung, macht sich während des Progamms Theodorakis Leben zu eigen, singt Zeilen wie „...doch ein Sturm kam auf, von ungeheurer Stärke” (aus „Gesichter der Sonne”) oder „Sie reden und schon lügen sie!” („Zeit der Klarheit”) mit dem Theodorakis eigenen Tremolo, protestiert, empört sich, wühlt auf, beklagt den Tod von Unschuldigen: „Nun, da du erloschen bist, erlischt auch meine Sonne...” (aus dem Zyklus „Epitaphios”).
Wehmut, Melancholie und ganz viel Tiefe begleiten diesen Abend. Aber auch Stolz darüber, den eigenen Prinzipien treu geblieben zu sein, aktiv Geschichte mitbestimmt zu haben und nicht wie der Tanzbär abgerichtet nach fremder Pfeife zu tanzen: „Die Kette zieht mich, sie regiert mich.” („Der Bär”). Das letzte Stück vor der Pause, Ikaovos Kambanellis „Mauthausen-Kantate” dann: ergreifend, tieftraurig. Es beschreibt in zärtlichen Tönen den furchtbaren Verlust einer Liebe: „Man hat sie fortgebracht, und keiner sieht wie schön sie ist..., man hat sie fortgebracht und keiner weiß wohin...”
(Von Carola Flügel, Eckernförder Zeitung)
Erich Weinert 60 Jahre tot – Gina Pietsch ehrte ihn mit einem Programm
So heutig muss man erst mal werden
Die Schwätzer, die heute über solche wie Erich Weinert herziehen – der Name steht stellvertretend für viele Kommunisten seiner Denkart –, die sollten sich schämen. Meist bieten sie nichts als Schaum. Doch da sind glücklicherweise immer noch die Aufrechten – ein Wort, das indes selbst besudelt ist.
Die Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch gehört zu diesen. Sie erinnerte sich: Da ist doch so ein Bursche, der hat mal Massen erreicht. Mit spitzer Satire, beißendem Ernst. Darüber muss man doch was machen. Und sie macht. Ihr Weinert-Abend in der Berliner jW-Ladengalerie zum 60. Todestag des Dichters, bestens besucht, stellte heraus: So heutig, wie Weinert es ist, muss man erst mal werden, um ein trefflich Dichter zu sein. Pietsch erzählte, sorgfältig ausgesucht, die aufregende Weinert-Story, ließ Originalaufnahmen der Stimme einspielen, sang selbst Lieder, zitierte Weinert-Texte, Prosa, Gedichte, ernste, heitere, zumeist aufs Auge der deutschen Jetztwelt passende.
Weiterlesen
Da kommt o-tönig des Mannes Stimmkraft als »Der rote Feuerwehrmann« mit dem harten Wasserstrahl wider die Büttel der Macht. Als wär' se 'ne feine Dome aus'm diefsten Sochsen«, zitiert Gina schallend Weinerts böses Selbstbild des Spießers: »An den Strafgefangenen Hans Reimann in Breslau«. »Deutsche Männer stehen wie Eichen«, höhnt Weinert in dem Text »Der Kriegerverein feiert Denkmalsweihe«. Die »Herren Genossen« (die so windelweichen wie im E-Fall zuschlagenden etwa der SPD) bleiben nicht verschont.
Wenn Gina Pietsch singt, ist Glanz im Abend. »Gustav Kulkes seliges Ende« und »Lied der Pflastersteine«, komponiert von Hanns Eisler, erzeugen den stärksten Eindruck. Hernach in Originalfassung aus dem Lausprecher: »Abschied von der Internationalen Brigade« mit Ernst Busch und Chor. Pause. Eröffnung des zweiten Teils mit Donner. »Der heimliche Aufmarsch« (1931) mit Busch und bewaffnetem Chor, so anachronistisch wie radikal zukunftweisend. Den Text auf die Verteidigung der Sowjetunion schrieb Weinert schon 1929.
Diese Revue enthüllt, woran die nachkaiserliche Gesellschaft, zerfressen von Briten-, Franzosen- und Kommunistenhass, von Klassendünkel und hitlerischem Revanchegeklirr, zutiefst litt. Da spießt der Dichter hinein, wirbelt den Dreck auf, wirft ihn in die Säle. Selbst wenn die Polizei ihn überwacht. Die Polizisten, das sind seine potenziellen Rezipienten. Wie die Wehrmachtssoldaten, die er über Lautsprecherpropaganda zum Übertritt bewegen will.
Beiläufig, resigniert hingeworfen Pietschs Deutung des »Liedes vom braunen Maikäfer«, das die Fatalität der »Lebensraum«-Ideologie thematisiert. Mit »Ausgerechnet den!« verhöhnt sie über Eislers Lied »Der Führer« die Hitleriten von heute. Stark ihre Rezitation auf Silchers »Loreley«. Noch eindrücklicher der Text »Gegen den wahren Feind« von 1943, welcher der Verharmlosung des Faschismus entgegentritt.
Weinert hat Ungeheueres durchgemacht. Er riskierte – den Schlappmäulern heute eins draufgebend ? einiges schon auf den dichterischen Barrikaden der Weimarer Zeit. Er riskierte sein Leben während der Nazizeit. Er kämpfte mit im Spanienkrieg. Er litt als Häftling in San Cyprien. Erich Weinert entkam knapp den Häschern Stalins. Er propagierte ein besseres Deutschland an Fronten des Großen Vaterländischen Krieges und nach seiner Rückkehr. Er starb als DDR-Bürger im April 1953. Groß dieser Abend in der kleinen Galerie.
Konkret und abstrakt
Brecht, tiefe Töne und die Wut: Ein Abend mit Gina Pietsch und Pianist in der jW-Ladengalerie
Die Brecht-Chanteuse Gina Pietsch gastierte zusammen mit ihrem Pianisten am Mittwoch abend in der jW-Ladengalerie ? zum Jahresabschluß. Geboten wurde natürlich Brecht und der sehr gut. Anfangs betrat Pietsch die kleine Bühne der Galerie so, als setze sie ihre roten Schuhe auf die Bühne des Friedrichstadtpalastes. Frenetischer Beifall. Pietsch lacht und strahlt, singt und haucht, brüllt und tanzt.
Weiterlesen
Inhaltlich ist das Programm zunächst an der Biographie Brechts ausgerichtet, den die Nazis ins Exil durch insgesamt sieben Länder trieben, dann geht es um Antifa und Antikrieg, die Texte sind gut ausgewählt und lassen sich auf die heutige Situation übertragen. Doch sah ich Brecht noch nie derart interpretiert. Bei Pietsch ist alles theatralisch, wirkt aber gerade deshalb selbstironisch und so dem Brechtschen Witz adäquat. Und dann die Stimme, die in der Ladengalerie kein Mikro gebraucht hätte. Macht man die Augen zu, fallen zwei Dinge auf: Die Klarheit und die Tiefe der Töne.
Die Texte: »Komm, wasch den Zinklöffel im Bottich, dann kannst du dableiben« »Unterrichtet wurde ich in der Kunst des Befehlens? dann verließ ich meine Klasse, so haben sie einen Verräter aufgezogen, nun plaudere ich ihre Geheimnisse aus«, Beschreibungen, wie man im Exil immer warten muß und sich nie mit dem Exilland anfreunden will, klingen bei Pietsch, als spreche sie im Rahmen der Ausländerintegrationsdebatte gegen die Forderung des zwangsweisen Deutschlernens. Und die Schilderung seiner Ankunft in den USA, »wenn einen nicht die billige Hübschheit hindert«, die Aufzählung von Künstlichkeit, Reklame und Opportunismus, das wirkt wie eine exakte Beschreibung der heutigen südlichen Friedrichstraße in Berlin. Gina Pietsch präsentiert dazu ihr breitestes Lächeln, quasi tänzelnd.
Pietsch ist immer Protagonistin der Brechtschen Lieder und zugleich deren Kommentatorin. Konkret und abstrakt, emphatisch und vermittelnd. Zu Hause schaue ich mir auf Youtube ihre »Ballade vom Wasserrad« an, die sie im Februar 1989 in der Berliner Volksbühne sang. Solche Wucht, solche Wut stand am Anfang der Idee eines Sozialismus ohne verknöcherte Machtverhältnisse. Die »billige Hübschheit« des Kapitalismus sieht dagegen alt aus ? theoretisch. Und doch macht sie viele Menschen hilflos und dumm.
Er hat Vorschläge gemacht
Ein Bertolt-Brecht-Abend aus Anlass des 50. Todestages des Dichters
... Gina
Pietsch mit ihrem neuen Programm "Er hat Vorschläge gemacht"
im St. Jakobs-Wassertum ... 90 Minuten währte der vielseitige Streifzug
durch Brechts Werk und nicht eine Sekunde war dran zu zweifeln, dass die
aus Ost-Berlin stammende Gina Pietsch eine der größten Brecht-Interpretinnen
unserer Tage ist.
(Dreigroschenheft)
... wer wäre besser geeignet als Gina Pietsch, die eben nicht
nur hin und wieder Brecht singt und spricht, wenn dies eben mal 'in' ist.
... Gina Pietsch hauchte und wisperte die Botschaften Brechts, schrie
diese aber auch heraus, wenn es nötig war und fesselte damit das
Publikum, das am Ende in Begeisterungsstürme ausbrach. Dieses jubelte
ihr, dem ebenfalls wunderbaren Begleiter am Piano sowie Brechts
'Vorschlägen' zu ...
Erstens,
vergesst nicht, kommt das Fressensaufenrauchenvögelnsegeln
... Manches Schlagersternchen, manche TV-Schauspielerin
hat schon verzweifelt versucht, sich mittels Brecht und Weill über das niedere U-Genre zu erheben. "Pfoten weg!", kann man da nur raten, zumal, wenn man gerade erst Gina Pietsch gesehen
und gehört hat ...
Ein paar Fältchen braucht
es schon, ein wenig Rauch auf den Stimmbändern,
ein paar Lebenserfahrungen, um das rüberzubringen ...
Sie hat bei Gisela May an der Berliner Musikhochschule
"Hanns Eisler" das Fach Chanson studiert, ...
An der "Eisler" lehren und lernten auch die
Musiker des Ensembles "Four winds & One", die
Pietsch kongenial begleiten. Elegisch und kokett
in schnellem Wechsel, strudelnde Jahrmarktsmusik,
die ins Verzerrte kippt: Hannes Zerbe am Klavier
und den keyboards und vier gestandene Bläser
eilten nie voraus, hinkten nie nach, kurz: Sie
begleiteten, im besten Sinne. Was ein Kunststück
für sich ist, denn Gina Pietsch ist geballte
Kraft.
(Amberger Nachrichten)
... "BB" hätte seine Freude gehabt an dieser eigenwilligen Interpretin
Gina Pietsch, die sich durchaus an so bekannten Namen wie Lotte Lenya
oder Therese Giehse messen lassen kann ...
Deshalb ist das hohe Niveau
auch nicht etwa den hochhackigen Sandaletten zuzuschreiben, auf denen
sie das 90-minütige Programm ausbalanciert, sondern eben diesen exzellenten
Voraussetzungen. Dazu kommen ihre rauchig-expressive Stimme, ihre Bühnenerfahrung
und ihr bedingungsloses Engagement für "BB" ...
Ohne die "Four Winds and
One" hätte aber der Orkan sicherlich nicht diese Stärke erreicht. Es war
gigantisch, wie die fünf Musiker den Raum füllten, sich in die vorwiegend
von Kurt Weill und Hanns Eisler komponierten Stücke einfühlten und die
schwierigen Klangmixturen perfekt reproduzierten ...
(Amberger Zeitung)
... Gina Pietsch aus Ost-Berlin, Chansonette aus
der Erblinie Brecht-Weill-Eisler-Dessau und
der Interpretinnensippe einer Therese Giehse
und Lotte Lenya, kam, sah und eroberte ihr Publikum
im Sturm. Ihre facettenreiche Schauspielkunst,
ihr proletarischer Charme sind unwiderstehlich.
Gerhard Folkerts Vertonungen zeigen eine neue,
unkonventionelle Schreibart.
(Die Welt)
Siebenhundert
Intellektuelle beten einen Öltank an - Ökologisches bei Brecht: "... Und
doch steht da eine Frau, ganz in Schwarz, auf der Bühne und bringt es
fertig, nach dem großen Rummel um Brecht, einen bb lebendig werden zu
lassen, wie ihn viele so vermutlich nicht kennen. '700 Intellektuelle
beten einen Öltank an', heißt das Programm, mit dem die stimmgewaltige
Brecht-Interpretin, am Klavier einfühlsam begleitet von Gerhard Folkerts,
gastierte.
(Frankfurter Rundschau)<
... Die Lieder waren die Silberdollars des Abends. Die Frau ist eine ausgezeichnete Mimin und Interpretin. Ob sie rotzig und heruntergekommen singt oder melancholisch. Sie singt doch nie ohne Stolz ...
(Freie Presse)
Ach, denkt das Veilchen
Ein Goethe-Abend
...Die rauchig-laszive Stimme der gestandenen Brecht- und Weill-Interpretin
ist so facettenreich, dass sie von lyrisch-zarten Tönen bis zu Deftig-Rustikalem
mühelos die weniger bekannten Bonmots des Dichterfürsten auslotete. Nicht
nur singend, auch leidenschaftlich rezitierend macht Gina Pietsch selbst
dem vergoethetsten Publikum Lust auf den alten Macho, der offenbar öfter
und manchmal sogar rein körperlich so seine liebe Not mit den Weibern
hatte. Besonders dann, wenn sie denken konnten. Wer hätte das von ihm
gedacht!
(Berliner Morgenpost)
... Wer scharfe Kanten bügeln will, braucht ein heißes Eisen, z.B. neue Vertonungen
von Gerhard Folkerts, die sich in rivalitätsloser Bescheidenheit neben
die großen von Weill, Dessau und Eisler stellen dürfen. Und natürlich
die Stimme und die Bühnen-präsenz von Gina Pietsch. Was da an gassenjungenhafter
Dröhne und lyrischer Anmut, an lausbubigem Charme und Pathos des Verstummens
über die Rampe kommt, ist frisch wie beim ersten Mal.
(Grafschafter Nachrichten)
Klampfenlieder bei Brecht:
... Einige Akkorde auf der "Klampfe" von Dietmar Ungerank,
dann stürmt Gina Pietsch mit einer Ausdruckskraft ins Licht, die selbst
die letzten flüsternden Gäste vor Ehrfurcht verstummen lässt ...
Etwa 25
Lieder sang die Künstlerin und gerne ebenso viele Stimmungen verstand
sie zu vermitteln ...
(Märkische Oderzeitung)
... Gina Pietsch singt mit rauchiger Stimme, einer ausdrucksstarken Mimik ... Sie scheint wie geschaffen zu sein, Brecht zu singen und zu interpretieren. Nicht umsonst gilt sie als die Brecht-Interpretin schlechthin ...
(Frankenpost)
... Wie viele singende Schauspielerinnen haben sich schon per Soloabend mit Brecht geschmückt und daraus eine Schallplatte gemacht. Bei Gina Pietsch ist das anders. Sie kann, anders als die meisten Schauspielerinnen, richtig singen, und zweitens ist Brecht ihr Autor überhaupt. Sie lebt ihn... Der Gitarrist, Dietmar Ungerank, hat die Orchesterbegleitungen ins Heutige übertragen. Das ergibt ein interessantes Wieder- und auch Neuhören... mit einer sehr kultivierten und auch stilsicheren Gitarre, die nach Jazzerfahrungen und anderem mehr klingt ...
(Neues Deutschland)
... Zu den Fakten zählt auch die Tatsache, dass Dietmar Ungerank das Kunststück fertigbrachte, viele der Songs für Gitarre so zu bearbeiten, dass der Eindruck bleibt, es ist nichts verloren von Hanns Eislers oder Paul Dessaus substanziellen Intentionen... Dass man wohl kaum eingestimmter sein kann aufeinander, als dieses Duo mit großer Präzision vorführte, tat ein übriges dazu. Auch, weil Gina Pietsch als Sängerin und Schauspielerin für jedes Stück eine so unglaubliche Intensität entwickelt, ihre Stimme, für die kaum eine Nuance vorstellbar ist, die sie nicht beherrschte, so präsent ist wie auch ihre Gesten, dass man glaubt, sie brauche allen Raum für sich ...
(Die Rheinpfalz)
Nur jetzt nicht weich werden Männer und Frauen bei Brecht:
... Zwei Stühle, eine Schwelle, alles in Schwarz. Mehr braucht Gina Pietsch nicht, um sich mit großzügiger Leidenschaft durch ein Liedprogramm bester Brechtscher, von Eisler, Weill und anderen vertonter Texte zu singen ...
Lustvoll stürzt sich die Diseuse auf die Texte, erweckt die immer am Abgrund sich abspielenden Biografien der Antihelden mit rauher Stimme zum Leben. Sie nimmt die Songs, als gelte es aufzuerstehen, aus den Trümmern, die älter sind als der Tod des Dichters ...
(Wedeler Tageblatt)
... Für das meiste findet die Pietsch, einst Schülerin von Gisela May ... ihre ganz eigene Interpretation. Sie dürfte spätestens hiermit sich in die vorderste Reihe der Brecht-Sänger und Rezitatoren begeben haben ...
(Neues Deutschland)