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Gründliche innere Reinigung
Von Petra Geigner
Gina Pietsch und Dietmar Ungerank gastieren im Bergnersreuther Museum. „Jesus macht nicht mehr mit”, heißt ihr fulminantes vorweihnachtliches Kontrastprogramm.
Arzberg – Das Geschenk der Erkenntnis der wahren Bedeutung des Weihnachtsfestes nahm eine Handvoll Zuhörer eines wunderbaren Liedernachmittages im Volkskundlichen Gerätemuseums Arzberg-Bergnersreuth entgegen. Es war verborgen in dem geistreichen Programm „Jesus macht nicht mehr mit”, das die Schauspielerin und Sängerin Gina Pietsch und der Gitarrist Dietmar Ungerank ihrem beeindruckten Publikum bescherten.
Schon beim Auftakt zu der ungewöhnlichen „Weihnachts-Performance” war klar: Das wird keines dieser üblichen „Wir-sind-alle-froh-und-munter-Dinger”. Das wird spannend, unterhaltsam, erschreckend, erheiternd, befreiend. All das war's. Mit einer kleinen Wortschlacht stiegen die resolute Gina Pietsch und ihr eher stille Kollege Dietmar Ungerank ein. Sie „berlinernd”, er tirolerisch, duellierten sich die zwei mit der – gleichzeitigen – Erzählung der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und Matthäus. Eine Herausforderung für die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörer und Symbol für das moderne „weihnachtliche Bombardement”.
Gassenhauer des adventlichen Liederfundus des westlichen Kulturkreises und Kleinode der musikalischen Weihnachtstradition weit abseits vom Kaufhausgedudel gleichermaßen präsentierte das ungleiche Duo, dem die Spiellust nur so aus den Poren kam. Das wohl Erfolg versprechendste Vehikel für den Transport knallharter Kritik, den Humor nämlich, erwählten Pietsch/Ungerank, der modernen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. „Was, wenn es wahr wäre”, fragte die grandiose Pietsch beispielsweise in einem nachdenklichen Text von Jacques Brel, ließ Brecht „Die gute Nacht” schildern und wie Maria Kälte und Scham vergaß.
Seinen Titel verdankt das Programm Wolfgang Borchert, besser gesagt dessen gleichnamiger Kurzgeschichte von „Jesus”, der in eisiger Kälte keine Gräber mehr für die Kriegstoten schaufeln will. „Jesus” ist nicht sein wahrer Name, sein Vorgesetzter nennt ihn nur so, weil er so „weich” ist. Mit viel Stoff zum Nachdenken schickten die Sängerin und ihr Begleiter das Publikum nach einem einstündigen ersten Teil in die Pause, um ihm anschließend noch mehr liebevoll verpackte Überraschungspakete um die Ohren zu hauen.
Gina Pietsch und Dietmar Ungerank muss gedankt werden, für einen Nachmittag, den als gelungen zu bezeichnen, eine Frechheit wäre. Er war's, aber eben noch viel mehr, je nach Blickwinkel ganz unterschiedlich. Gina Pietsch, die Berlinerin, ist als Schauspielerin eine Granate, als Sängerin eine Wucht, als Komödiantin ein Knaller.
Wahl-Hofer Dietmar Ungerank, der zarte Mann in Schwarz mit dem leisen Instrument, ist der vielschichtige Künstler, der sich mit Zurückhaltung tarnt, während im Innern der Vulkan brodelt. Wer an seinen Fingern hängen bleibt, fällt in Hypnose, starrt, fasziniert, hört, noch faszinierter. So gegensätzlich die beiden Akteure, so war auch das Programm. Ein Wechselbad der Gefühle, das nach gründlicher innerer Reinigung je nach individueller Voraussetzung nur wenig oder alles übrig ließ: den Glauben und die Hoffnung.
(Frankenpost)
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